Kategorien
keine

Erziehungskunst

Gegen engagierte Kunst : Berlins unechte Ureinwohner

Von Georg Imdahl

29.09.2026, 12:33
Lesezeit: 4 Min.

Fünf Fingerübungen sind noch keine faustdicke Überraschung: Mit seiner Skulptur „It’s a Small World (The Square)“, die 2019 auf der Biennale in Istanbul gezeigt und vom Goethe-Institut gefördert wurde, möchte Simon Fujiwara den Eskapismus des Kulturbetriebs kritisieren.

Fünf Fingerübungen sind noch keine faustdicke Überraschung: Mit seiner Skulptur „It’s a Small World (The Square)“, die 2019 auf der Biennale in Istanbul gezeigt und vom Goethe-Institut gefördert wurde, möchte Simon Fujiwara den Eskapismus des Kulturbetriebs kritisieren.Istanbul Biennial

Dass Parteinahme für Gruppeninteressen das ästhetische Urteil ersetzte, hat auch mit dem Narzissmus des Hipsters zu tun: Steffen Zillig entwirft eine polemische Geschichte der Moralkonjunktur in der Gegenwartskunst.

Gerade nehmen wir uns den Artikel „Zeitenwende“ von Steffen Zillig zur Lektüre vor, da ploppt im elektronischen Postfach die Ankündigung eines Kunstfestivals „für plurale Demokratie“ auf. Das kann kein Zufall sein, denn bei allen, die sich für Gegenwartskunst interessieren, gehen laufend Mails ein mit Hinweisen auf künstlerische Events, in denen gesellschaftliche Dinge propagiert oder angeprangert werden wie, wahllos herausgegriffen, Inklusion und Partizipation, kulturelle Aneignung, Klima-Bewusstsein, Antifaschismus, Rassismus.

Tatsächlich wäre die gegenwärtige Kunst schlecht beraten, solche Themen zu ignorieren. Es fragt sich nur, inwieweit sie dabei sie selbst bleibt (und eine allgemeine Antragsrhetorik für weniger finanzstarke Künstlerinnen und Künstler nicht auf sie geeicht sein muss, um an Zuschüsse zu gelangen). Kunst hat vor allem ein vornehmes Ziel: Kunst zu sein, sich jedenfalls nicht komplett vereinnahmen zu lassen von außerkünstlerischen Imperativen. Hannah Höch, George Grosz und John Heartfield fesseln wegen der formalen Qualitäten der Werke, mit denen sie ihre politischen Ansichten propagierten.

Wenn vor allem politische Inhalte wie auch Gruppeninteressen jeglicher Couleur „zuständig sind für Relevanz“, so lautet die These des Künstlers, Kritikers und Kurators Zillig, dann handele es sich um „Erziehungskunst“. Zillig war Redakteur der Zeitschrift „Art“ und lehrt an der Berliner Universität der Künste. Seine Philippika gegen die moralapostolischen Auswüchse der zeitgenössischen Kunst findet sich gedruckt in der jüngsten Ausgabe des von ihm seit 2017 redigierten Fanzines „Intercity“, einer Bleiwüste, die auch online abrufbar ist und von einer „Eurogruppe“ an Beiträgern in Zusammenarbeit mit dem Kunstverein Langenhagen herausgegeben wird. Der nötige Nachdruck wächst dem Magazin dadurch zu, dass seine Beiträge kritisch bis bissig formuliert sind, ohne sich mit Allgemeinplätzen zu begnügen – und auch Zillig also nicht abstrakt über eine ausgelaugte, erschöpfte Kunst lamentiert. Präzise zeichnet er Leitlinien nach, die sie nach seiner Auffassung in die Sackgasse geführt haben. Intercity kann auch Freude machen.

Die Strenge der Subkulturen ging verloren

In seinem Rundumschlag geht Zillig zurück in die Nachwendezeit, die „Jahre der postpolitischen Ära“, und beobachtet dort einen Trend zur Lifestyle-Kunst, die er überraschend als Bedingung der Möglichkeit der „Erziehungskunst“ erkennt. Hier habe sich zunächst, im Zeichen eines florierenden Markts, ein fröhlich-flockiger Hedonismus in der Kunst breitgemacht, Prototyp: der konsumorientierte Hipster, der sich „alternder Subkulturen bediente, ohne die Strenge ihrer symbolischen Ordnung zu übernehmen“. Bilder aus dem Netz zu fischen, seien diese noch so dämlich, und daraus Kunst zu machen, „mit der Technologie ins Bett zu gehen, ohne sich nackt zu machen“, sei darüber cool geworden. Als krönendes Exempel dient Zillig die Berlin-Biennale des amerikanischen Kollektivs DIS von 2016, die sich in digitalem Narzissmus suhlte.

Protest löste das Whitney Museum of American Art in New York 2017 aus, als es das Gemälde „Open Casket“ von Dana Schutz ausstellte.
Protest löste das Whitney Museum of American Art in New York 2017 aus, als es das Gemälde „Open Casket“ von Dana Schutz ausstellte.dpa

Dem Hipster als klassischem Prosumenten sei sodann der „Politster“ gefolgt (nach eigenem Bekunden Zilligs Wortschöpfung), der sich, im diskursiven Vakuum der luftigen Konsumierbarkeit, ein gesellschaftlich-politisches Bewusstsein von leichtem Gewicht angelacht habe, während die Kunst sich nicht mehr habe aufraffen können, sich mit ihren eigenen Mitteln neu zu begründen. In der Folge und als Gegenbewegung trat ein forcierter Aktivismus auf den Plan, nun sollte, mit Eva Illouz gesprochen, die Stunde des „moralischen Kapitals“ schlagen und damit der Primat eines Alleinvertretungsanspruchs unterschiedlicher Gemeinschaften auf Wahrheit. Als „Wendepunkt“ nennt Zillig zutreffend die Skandalisierung des Gemäldes „Open Casket“ von Dana Schutz im Jahr 2017. Der New Yorker Künstlerin wurde das Recht bestritten, den 1955 gelynchten schwarzen Jungen Emmett Till in seinem Sarg zu malen, obwohl sich Tills Mutter ausdrücklich eine Öffentlichkeit dafür gewünscht hatte. Der mediale Aufruhr gipfelte in der Forderung, das Bild nicht nur dem Markt zu entziehen, sondern zu zerstören. Reklamationen von kultureller Identität dienen seitdem dazu, Künstlerinnen und Künstlern das Recht zur Befassung mit gesellschaftlichen Inhalten abzusprechen, wenn sie nicht selbst betroffen sind.

Den „gealterten Kulturkämpfern der Erziehungskunst (von den völlig Verstrahlten abgesehen)“ empfiehlt Zillig am Ende, nunmehr offen polemisch, sich andere Betätigungsfelder zu suchen und Vorschläge zu unterbreiten, wie sich die Mieten in Berlin wieder bezahlbar gestalten ließen, anstatt sich als „schützenswerte Ureinwohner“ der Hauptstadt aufzuspielen. Insgesamt habe sich die Gegenwartskunst in eine „wohlverdiente Krise“ begeben. Fraglich ist allerdings, ob mit der zurückliegenden Documenta die „Erziehungskunst“ auch schon in ihre „letzte Phase“ eingetreten ist, wie Zillig findet.
________________

Steffen Zillig Text Zeitenwende im Intercity Nr. 3

https://eurogruppe.be/InterCity_Nr%203.pdf

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Cookie Consent mit Real Cookie Banner